Vielleicht ist irgendwo Tag

25.10.2018 |

Langsam merken wir, dass die Tage kürzer werden und die dunklere Jahreszeit Einzug hält. In diese Zeit fallen unsere christlichen Gedenktage wie Allerheiligen, Allerseelen und Totensonntag, die an Sterben und Tod erinnern. Gleichzeitig erinnert uns diese Jahreszeit an die dunklen Phasen unseres persönlichen Lebens, an Zeiten, die uns und unseren Glauben mitunter herausfordern.

Der Alttestamentler Fridolin Stier veröffentlichte 1981 unter dem Titel „Vielleicht ist irgendwo Tag“ Tagebuchaufzeichnungen, in denen er seine eigenen Herausforderungen des Lebens und Glaubens beschreibt. Vor vielen Jahren hat mich dieses Buch sehr berührt. Da formuliert ein Theologe mit einer Sprachmächtigkeit ganz aufrichtig seine persönlichen Fragen und Zweifel, denn nicht nur durch den Tod seiner Tochter ist er in eine tiefe Sinnkrise gefallen. Er lehnt sich auch gegen Schmerz und Tod der gesamten Kreatur auf. Glaubensnot und tiefe Glaubenserfahrung werden authentisch spürbar und haben mir während meines Studiums sehr geholfen, mein eigenes Ringen ernst- und anzunehmen.

Heute begegnet mir dieses Ringen um den Glauben in so vielfältiger Weise wieder: am Krankenbett, in Sterbesituationen, in Trauergesprächen. Immer wieder tauchen die gleichen existentiellen Fragen auf:
Ist Gott noch für mich da? Begleitet er uns oder sind wir allein unserm Schicksal ausgeliefert? Angesichts von Leid und Tod haben Fragen und Zweifel sicher eine größere Chance unseren Glauben lebendig zu halten, als wohlmeinende fertige Antworten.
„Vielleicht ist irgendwo Tag“ ist in diesem Sinne eher eine vorsichtige Frage.
Ich habe seit einiger Zeit diesen für mich hoffnungsvollen Satz wieder neu entdeckt und nehme ihn innerlich mit in die Begegnungen mit Menschen, die diese gleiche Erfahrung in sich tragen, sie aber nicht so formulieren können. Die Ahnung, dass es trotz Dunkelheit wieder Tag werden kann, findet sich in vielen Formulierungen von leidgeprüften Menschen wieder, manchmal aus einem christlich geprägten Glauben heraus, manchmal aus anderen Kraftquellen.
Es bleibt beim Vielleicht, aber darin steckt eine Hoffnung. Dann, wenn die Nacht am dunkelsten ist, beginnt
der neue Tag.

Vielleicht ist irgendwo Tag

Vielleicht… Aus dem Spalt
in der Wand des Alls
in das finstre Verlies
Brach plötzlich
o schön!
ein Schein und schwand.

Ist vielleicht?
Ist irgendwo?
Vielleicht ist
irgendwo
Tag.

Fridolin Stier

Monika Paschke-Koller, Klinikseelsorgerin