Gedanken des Seelsorgeteam

20.10.2020 |

Mehr als Erinnerung

Eine Freundin aus Kindertagen bat mich einmal eindringlich: „Du bist die einzige, mit der ich bestimmte Erinnerungen teilen kann. Bitte vergiss sie nicht!“
Das kennen wir alle: In unseren Erinnerungen liegt eine besondere Kraft. Sie machen uns zu der Person, die wir sind und verbinden uns mit anderen. Mit unseren Erinnerungen „schreiben“ wir unsere ganz eigene Lebensgeschichte. Je älter wir werden, desto mehr Erinnerungen an Erfahrungen und Erlebnisse der Vergangenheit, die länger zurückliegen, werden uns wieder bewusst.

Aber: Erinnerungen können auch verloren gehen. Da kann meine Freundin noch so enttäuscht sein, wenn ich mich nicht wie sie an bestimmte Ereignisse erinnere - und das nicht deshalb, weil sie mir nicht wichtig waren.
Oft gibt es Erinnerungen, die uns nicht im vollen Maß zu Verfügung stehen, die verblasst sind, die ich nicht mehr fassen kann oder die ich verloren habe. Am extremsten wird es, wenn mein Gehirn nicht mehr so arbeitet, wie ich es gerne hätte.Zum Ende jeden Jahres, wenn der Herbst zeigt, wie vergänglich Leben ist, erinnern wir uns auch unserer Verstorbenen. Schon immer hat mir etwas gefehlt, wenn ich den Satz gehört habe: „Du hast doch deine Erinnerungen. Die kann dir keiner nehmen.“
In ihrem neuen Buch „Trauernacht und Hoffnungsmorgen“ habe ich bei Antje Sabine Naegeli einen Text gefunden, der genau dieses Gefühl aufgreift. Die Schweizer Theologin hat ihn nach dem Tod ihrer Tochter geschrieben und drückt damit aus, dass es zu kurz greift, wenn wir meinen, unsere Toten leben allein in unserer Erinnerung weiter. Denn Erinnerungen können wegbrechen und verloren gehen. Sie beschreibt eine größere Hoffnung als in der „Begrenztheit meines Gedenkens“. Die endlichen Räume reichen ihr nicht aus, um dieser Hoffnung Ausdruck zu geben. Vielleicht kann uns auf dem Weg in den kommenden Advent, den wir anders erleben werden als sonst, etwas von dieser Hoffnung aufscheinen.
 
Mehr als Erinnerung
Sie leben weiter
in deiner Erinnerung",
sagt einer,
der mich trösten will,
von meinen Toten.
Ich lege Widerspruch ein:
Die nicht mehr bei mir sind,
brauchen größere Bergung
als die Begrenztheit
meines Gedenkens.
Nicht in endlichen,
sondern in unvergänglichen Räumen
will ich sie zuhause wissen.
Meine Hoffnung
buchstabiert die Worte
Trost, Freude, Liebe, Licht.
In meinen Träumen
sehe ich meine lebendigen Toten
eingehüllt in Mäntel der Zärtlichkeit.Antje Sabine Naegeli
 
Monika Paschke-Koller, Klinikseelsorgerin